{"id":333,"date":"2014-05-01T00:00:26","date_gmt":"2014-05-01T00:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maendeleo.ch\/wordpress\/?p=333"},"modified":"2020-04-23T14:19:32","modified_gmt":"2020-04-23T14:19:32","slug":"2014-de-chumm-doch-eifach-mit-und-lueg-saelber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maendeleo.ch\/wordpress\/2014-de-chumm-doch-eifach-mit-und-lueg-saelber\/","title":{"rendered":"2014   \u201e .. de chumm doch eifach mit und lueg s\u00e4lber!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201e .. de chumm doch eifach mit und lueg s\u00e4lber!\u201c: antwortete Hansj\u00f6rg auf meine ungeduldige Fragerei.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren hat Hansj\u00f6rg Enz an unserer Schule das Projekt Maendeleo vorgestellt und uns vor Augen gef\u00fchrt, wie schwierig es ist ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu f\u00fchren, wenn so vieles fehlt, was uns hier selbstverst\u00e4ndlich ist. Dieses Fr\u00fchjahr hatte ich dann die Gelegenheit zusammen mit Hansj\u00f6rg Enz und Bruno Fink die Schule zu besuchen.<\/p>\n<p>Von der Demokratischen Republik Kongo wurde ich erstmals vor 20 Jahren gewahr, als im Jahr 1994 im Nachbarland Ruanda innert 100 Tagen nahezu eine Million Menschen abgeschlachtet wurden und viele in den angrenzenden Ostkongo gefl\u00fcchtet sind. Seither ist das Gebiet nicht mehr zur Ruhe gekommen. Und bald stellte sich mir die Frage, warum das zweit gr\u00f6sste Land Afrikas an letzter Stelle steht der HMI-Skala, also das Schlusslicht f\u00fcr menschliche Entwicklung. Mit das \u00e4rmste Land \u2013 obwohl es eines der fruchtbarsten L\u00e4nder ist der Welt, obwohl es eines der rohstoffreichsten L\u00e4nder ist, obwohl es ein vielf\u00e4ltiges, wundersch\u00f6nes Land ist, das touristisch bestens genutzt werden k\u00f6nnte. Aus der Geschichte des Landes erfahren wir dann einiges, warum es nicht auf die F\u00fcsse kommt und es den dort lebenden Menschen verg\u00f6nnt bleibt ein anst\u00e4ndiges Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ein tragisches Beispiel eines Landes, wie Reichtum an gottgegebenen Sch\u00e4tzen nur einzelnen zum Segen gereicht und f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zum Fluch verkommt. Vor 500 Jahren waren es die Europ\u00e4er, die Jagd auf Menschen machten f\u00fcr die Sklavenarbeit in den Plantagen Amerikas, dann der belgische K\u00f6nig Leopold II, der in grossem Stil mit der Ausbeutung begann, Elfenbein f\u00fcr die Wohlhabenden im Norden, Kautschuck f\u00fcr die aufkommende Autoindustrie. Es folgte die Diktatur unter Mobutu, der die bescheidene Infrastruktur, die die Belgier zur\u00fcckliessen, v\u00f6llig demontierte und das Land ausblutete zugunsten seines Clans. Bis heute, halten korrupte Regierungen die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ihre pers\u00f6nlichen Begehrlichkeiten in Schach. Die Gier nach den Bodensch\u00e4tzen wie Diamanten, Gold, Kupfer, Coltan f\u00fcr unsere Handys sorgen f\u00fcr ein eigenes Wirtschaftssystem am Staatshaushalt vorbei. Warlords im Osten des Landes kultivieren ein Gewaltklima, das eine rechtsstaatliche Ordnung verhindern soll, nur um in diesem Chaos die Bodensch\u00e4tze unter der Hand aus dem Land zu schmuggeln und gewaschen auf dem Weltmarkt zu versilbern.<\/p>\n<p>Vor dieser Reise fragte ich mich, warum Hansj\u00f6rg sich ausgerechnet eine Schule im Kongo\u00a0\u00a0ausgesucht hat. Ein von Gott reich gesegnetes Land, ein von den Menschen hoffnungslos verfluchtes Land. Die Faktenlage, die Statistik, die Geschichte lehrt einen gesunden Menschenverstand die Finger davon zu lassen. Wo soll man da beginnen, wenn gar nichts geht &#8230;.. ?<\/p>\n<p>Und dann fliegt man hin und begegnet nicht Statistiken, sondern Menschen. Menschen, die man nach der Begegnung nicht mehr leichtfertig in die Weltordnung zur\u00fccklegen kann. Mitten in hoffnungslosesten Bedingungen, wo keiner hinsehen will, trifft man auf Menschen mit einer Hoffnung, die man nicht erkl\u00e4ren muss, weil sie uns so vertraut ist. Und ich glaube nicht, dass es meine sentimentale senil altruistische Torschlusspanik eines Gegensechzigj\u00e4hrigen ist, der endlich seine sinngebende Aufgabe gefunden hat, sondern vielmehr einem unwillk\u00fcrlichen Anspruch an die Menschlichkeit, der den Fuss in die T\u00fcre h\u00e4lt.. Vorher hatte nur der Kongo ein Problem, nun habe ich auch eins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wusste von der Unterst\u00fctzung Simires und ihrer Familie in der N\u00e4he Bukavus. Ich fand es anf\u00e4nglich h\u00f6chst fragw\u00fcrdig, Unterst\u00fctzung zu leisten, wo es an allem fehlte. Eine Familie draussen im Busch, mit acht Kindern in einer gemieteten Bretterbude mit 20 Quadratmetern, ohne Strom, ohne Trinkwasser, Vater Gelegenheitstagl\u00f6hner \u2013 ein Fass ohne Boden, von ihnen gibt es Tausende \u2013 hoffnungslos \u2013 ein Tropfen auf den heissen Stein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann wurde die T\u00fcre aufgestossen, hinter diese Erfahrung ich nicht zur\u00fcck kann und haben ein Ringen um mitmenschliche Verantwortung in Gang gebracht. Der zur\u00fcckhaltende Blick aus den wachen Augen der 12-J\u00e4hrigen, die nun eine Schule besuchen kann, die ihre lebendige Neugierde ausleben kann und in Tagtr\u00e4umen Pl\u00e4ne schmiedet f\u00fcr sich und ihre Familie. Die mit kraftvollem Schwung sich auf den Schulweg macht und bereit ist die Statistik des Scheiterns L\u00fcgen zu strafen.<\/p>\n<p>Als wir nach dieser Woche wieder abheben und die Sicht sich weitet \u00fcber Bukavu, wir die armseligen H\u00fctten und Dreckstrassen entschwinden sehen und die Bilder \u00fcberfliessen in eine wundersch\u00f6ne Landschaft, mit Fl\u00fcssen, die sich malerisch durch die gr\u00fcne Buschlandschaft schl\u00e4ngeln und wir in die Nacht hinein fliegen, uns Europa wieder n\u00e4hern, beschleichen mich Zweifel, ob die gut gemeinte Hilfe auch wirklich mehr ist als ein abzuschreibendes \u201eGutteli\u201c und auch zur nachhaltigen Investition beitragen wird.<\/p>\n<p>Im gleichm\u00e4ssigen Motorenger\u00e4usch des Fliegers ziehen Bilder aus den vergangenen Tagen vor Augen. Im Busch, als wir Simires Familie einen Koffer mit Kleidern zur\u00fccklassen. Ihn aber nicht vor ihrer H\u00fctte \u00fcberreichen k\u00f6nnen, weil eine Kinderschar aus der Nachbarschaft genau beobachtet, was ab geht mit dem weissen Besuch. Auch sie h\u00e4tten\u2019s bitter n\u00f6tig. So m\u00fcssen wir um sieben Ecken kurven um den Koffer zu \u00fcbergeben, nur um nicht Missgunst zu sch\u00fcren. Hat der Tropfen aus Frauenfeld eine Chance bis zu den lebenswilligen Wurzeln vorzudringen?<\/p>\n<p>Auch lasse ich mich verunsichern, ob die Anweisungen an die Verantwortlichen im Landwirtschaftsprojekt auch verstanden worden sind und umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Aus der Distanz versuche ich Vorwissen und Erlebtes zu ordnen und daraus eine Sicht in die Zukunft zu gewinnen. Einerseits sind da die ern\u00fcchternden Statistiken \u00fcber die Effektivit\u00e4t der weltweit geleisteten Entwicklungshilfe und andererseits die konkrete Hoffnung f\u00fcr das Projekt Maendeleo. Das Handbuch f\u00fcr eine garantiert erfolgreiche Entwicklungshilfe ist noch nicht erschienen, deshalb wird so viel kontrovers diskutiert \u00fcber den Nutzen eingesetzter Ressourcen.<\/p>\n<p>In Afrika werden in vielen verschiedenen Bereichen Projekte lanciert &#8211; der wirksamste Bereich ist die Bildung. Damit gesteht man auch ein, dass das Denken und Handeln der Bev\u00f6lkerung nicht optimal ist und verbessert werden muss. Im direkten Kontakt wurde ich gewahr, dass sich ihre Gewohnheiten und ihren Umgang mit t\u00e4glichen Herausforderungen unterscheiden \u2013 aus unserer Sicht suboptimal \u2013 und deshalb weniger erfolgreich sind. Fehlendes Wissen \u00fcber Zusammenh\u00e4nge, fehlende Weitsicht und Geduld und fehlende Fertigkeiten, sowohl die t\u00e4glichen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen und gleichzeitig in die Zukunft zu investieren, verhindern eine angemessene Entwicklung. Erwachsene tun sich schwerer dazu zu lernen, sie in ihrem gewohnten Umfeld zu belehren erfordert unsererseits viel Fingerspitzengef\u00fchl und aufmerksames Dranbleiben.<\/p>\n<p>Deshalb Bildung &#8211; das Herzst\u00fcck von Maendeleo ist die Schule. Das Projekt zeichnet sich aus durch den direkten Kontakt mit den Einheimischen vor Ort. Seit Jahren kennt sie Hansj\u00f6rg pers\u00f6nlich, kennt ihre Lebensumst\u00e4nde und ihr Denken. Das Internet erlaubt es auch direkt und engmaschig zu kommunizieren und das Projekt zu begleiten, sie zu Handlungs\u00e4nderungen zu bewegen und diese auch zu beobachten.<\/p>\n<p>Wir suchen nach M\u00f6glichkeiten in der bestehenden Schule vermehrt lebenspraktische Bereiche zu unterrichten. Im Gartenbau die Anbaumethoden zu optimieren um bessere Ertr\u00e4ge, rationeller und nachhaltiger zu erwirtschaften. Wissen \u00fcber Ern\u00e4hrung und Gesundheit zu vermitteln um von den Gegebenheiten ausgehend Verhaltensweisen zu ver\u00e4ndern und bei alledem vermehrt auf die Ressourcen der Frauen zur\u00fcckzugreifen. Durch rationelleres, wirtschaftlicheres Agieren von der Subsistenzwirtschaft einen Schritt weiter zu kommen und Mehrwert zu schaffen, indem Kenntnisse in Textil- und Bauhandwerk vermittelt werden und damit ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse besser gedeckt und ausserhalb ihres Zuhause Geld verdient werden kann. Zu sensibilisieren f\u00fcr einen nachhaltigeren Umgang mit Geld und wirtschaftliche Zusammenh\u00e4nge. Ihnen \u00fcbers Internet den Zugang zu Wissen und Welt zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>So hoffen wir, dass sie Erfahrungen machen k\u00f6nnen\u00a0\u00a0an Autonomie und Selbstwirksamkeit dazuzugewinnen.<\/p>\n<p>Dazu braucht es finanzielle Mittel, aber vor allem auch pers\u00f6nliches Engagement \u2013 am besten vor Ort &#8211; Menschen die das Vertrauen der dort lebenden Menschen gewinnen k\u00f6nnen und sie anleiten und trainieren in den verschiedenen Bereichen \u2013 schreinern, zimmern, mauern, hauswirtschaften,\u00a0\u00a0n\u00e4hen, g\u00e4rtnern, Geld einteilen, kompi\u00fcterle und internetle &#8230; es gibt die Menschen, wo sind sie&#8230; ?<\/p>\n<p>&#8230;\u00a0vorher hatte nur der Kongo ein Problem, jetzt habe ich auch eins &#8230;. bevor ich mich auch daran gew\u00f6hne,\u00a0\u00a0muss ich mir \u00fcberlegen, wie Betroffenheit nun fristgerecht zu konkretem eigenem Beitrag mutiert.<\/p>\n<p>Ich habe die Region lieb gewonnen, auf ein ander Mal.<\/p>\n<p>Niklaus Gerber, Juli 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e .. de chumm doch eifach mit und lueg s\u00e4lber!\u201c: antwortete Hansj\u00f6rg auf meine ungeduldige Fragerei. 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