Kabinetts-Chef von Präsident Tshisekedi im Gefängnis

Vital Kamerhe befindet sich seit dem 8. April im Zentralgefängnis von Makala, einer Gemeinde der Hauptstadt Kinshasa. Als Kabinettschef ist der wichtigste Mitarbeiter des Staatspräsidenten Felix Tshisekedi. Kamerhe wird Veruntreuung in Millionenhöhe vorgeworfen im Zusammenhang mit einem Notfallprogramm, das Tshisekedi präsentiert hatte. Er versprach, für 300 Millionen US-Dollar wichtige Strassen, Gebäude und Brücken zu renovieren und neu zu bauen. Ein wichtiges Projekt sollte in der Hauptstadt Kinshasa realisiert werden. Dort ist die Hauptachse oft verstopft. Sogenannte „saut de mouton“  sollten für Abhilfe sorgen. Mit „Schafsprünge“ werden Brücken zu Entlastungs-Strassen bezeichnet, die den Verkehr besser verteilen sollen. Im Herbst 2019 hätten die ersten fertig gebaut sein sollen, aber bisher gibt’s lediglich Baustellen, die den Verkehr noch mehr behindern und das Geld scheint verbraucht. Kann es sein, dass einige Millionen bei Kamerhe gelandet sind und er zu Recht festgenommen wurde?

Im Kongo gibt es viele Meinungen und Spekulationen dazu. Erstaunlich war, dass Kamerhe der Aufforderung des Staatsanwaltes sofort Folge leistete und sich zum Gefängnis begab. Das könnte auf seine Unschuld hinweisen. 

Wer aber könnte ein Interesse daran haben, dass Kamerhe aus dem Verkehr gezogen wird und im Gefängnis landet obwohl er unschuldig ist? Vielleicht gar Präsident Tshisekedi?

 

Gemeinsam zum „Wahlsieg“

Am Morgen des 12. November gaben die sieben Oppositionspolitiker bekannt, sie hätten sich auf den wenig bekannten Martin Fayulu als Kandidaten der Opposition einigen können. Aber noch am gleichen Abend verkündeten die viel bekannteren Tshisekedi und Kamerhe, die Mitglieder ihrer Parteien seien nicht einverstanden mit dem Entscheid. Sie beide hätten deshalb beschlossen, selber anzutreten, und zwar auf einem gemeinsamen Ticket. Sie hätten untereinander abgemacht, bei einem Wahl-Sieg 2019 würde Tshisekedi Präsident, sollten sie dann auch die nächsten Wahlen 2023 gewinnen, käme Kamerhe zum Zug. Und das „Wunder“ geschah, Felix Tshisekedi wurde im Januar 2019 von der nationalen Wahlkommission CENI zum Wahlsieger erklärt. 

 

Wahlbetrug

Bald wurde klar, dass dies ein grandioser Wahlbetrug war. Ex-Präsident Kabila musste einsehen, dass „sein“ Kandidat nur wenige Prozente der Stimmen erhalten hatte und er ihn mit bestem Willen nicht zum Sieger hochdoktern konnte. Den eigentlichen Wahlsieger wollte er aber auf keinen Fall als neuen Präsidenten. Fayulu hatte nämlich im Wahlkampf erklärt, als Präsident würde er untersuchen, wie Kabila in seiner Amtszeit zum mehrfachen Milliardär werden konnte. Also wählte Kabila das kleinere Übel, machte einen Deal mit Tshisekedi und erklärte ihn zum Wahlsieger. Kurz darauf spielte die CENI Journalisten die richtigen Resultate zu. Danach hatte Fayulu über 60% aller Stimmen erhalten. Die katholische Kirche bestätigte das Resultat. Sie hatte Vertreter in 4000 Wahllokale geschickt, die dort die Resultate notiert und an eine Zentrale weitergeleitet hatten.  

 

Wer hat Interesse an Kamerhes Festnahme?

Eine Möglichkeit: Kamerhe hat wirklich Millionen in die eigene Tasche gewirtschaftet. Nach Medienberichten führt er seit dem Wahlsieg einen sehr aufwendigen Lebensstil, den er sich mit dem offiziellen Lohn kaum finanzieren kann. So habe er z.B. letztes Jahr drei Tage lang pompös geheiratet. Als „dote“ – dem im Kongo obligatorischen Geschenk an den Schwiegervater – habe er 150 000 UDS in bar geschenkt, dazu dreissig Kühe und einen Diamantring im Wert von 100 000 USD:  

Andere Möglichkeit: Tshisekedi ist selber in diese mögliche Veruntreuung verstrickt und versucht die Schuld auf Kamerhe abzuwälzen. Tshisekedi möchte ihn vielleicht auch loswerden, weil er Gefallen gefunden hat am neuen Job und diesen 2023 nicht abgeben möchte. Politbeobachter meinen auch, Kamerhe, der gewiefte, mit allen Wassern gewaschene Politiker, sei der eigentlich starke Mann in der Regierung und er bestimme den Kurs.  

Eine dritte Meinung: Kabila steckt hinter dem Ganzen. Er eliminiert in einem ersten Schritt Kamerhe. Wird dieser nämlich verurteilt, so kann er sich nach kongolesischem Recht nie mehr einer Präsidentenwahl stellen. Auf diese Weise hat Kabila schon Moïse Katumbi, den populären ehemaligen Gouverneur von Katanga ausmanövriert. Er liess Katumbi 2018 vor Gericht stellen unter der Anklage, er habe fremde Söldner angeheuert und einen Umsturz geplant. Katumbi liess sich offenbar von ausländischen Leibwächtern bewachen. Er wollte wohl verhindern, dass es ihm geht wie Kabilas Vater, der von einem kongolesischen Leibwächter umgebracht wurde. 

 

Chamäleon Kamerhe

Geht Kamerhes Polit-Karriere damit endgültig zu Ende? Eher unwahrscheinlich, denn er ist ein Stehaufmännchen, der es immer wieder geschafft hat, auf der richtigen Seite zu stehen. Mit dieser „Flexibilität“ hat er sich seinen Übernamen Kamerheon (Kamerhe / Chamäleon) verdient. Er versteht es, zur rechten Zeit die Farbe zu wechseln. Schon als junger Politiker ergatterte er gute Posten bei Langzeitdiktator Mobutu, setzte sich dann rechtzeitig von ihm ab, machte Karriere bei Kabila Père, hatte hohe Posten bei Sohn Kabila, ging dann in die Opposition und machte dann wieder mit beim Wahl-Deal, der Tshisekedi zum Präsidenten machte und ihn zu seinem Kabinetts-Chef. (hje)