„ .. de chumm doch eifach mit und lueg sälber!“: antwortete Hansjörg auf meine ungeduldige Fragerei.

Vor zwei Jahren hat Hansjörg Enz an unserer Schule das Projekt Maendeleo vorgestellt und uns vor Augen geführt, wie schwierig es ist ein menschenwürdiges Leben zu führen, wenn so vieles fehlt, was uns hier selbstverständlich ist. Dieses Frühjahr hatte ich dann die Gelegenheit zusammen mit Hansjörg Enz und Bruno Fink die Schule zu besuchen.

Von der Demokratischen Republik Kongo wurde ich erstmals vor 20 Jahren gewahr, als im Jahr 1994 im Nachbarland Ruanda innert 100 Tagen nahezu eine Million Menschen abgeschlachtet wurden und viele in den angrenzenden Ostkongo geflüchtet sind. Seither ist das Gebiet nicht mehr zur Ruhe gekommen. Und bald stellte sich mir die Frage, warum das zweit grösste Land Afrikas an letzter Stelle steht der HMI-Skala, also das Schlusslicht für menschliche Entwicklung. Mit das ärmste Land – obwohl es eines der fruchtbarsten Länder ist der Welt, obwohl es eines der rohstoffreichsten Länder ist, obwohl es ein vielfältiges, wunderschönes Land ist, das touristisch bestens genutzt werden könnte. Aus der Geschichte des Landes erfahren wir dann einiges, warum es nicht auf die Füsse kommt und es den dort lebenden Menschen vergönnt bleibt ein anständiges Leben zu führen.

Ein tragisches Beispiel eines Landes, wie Reichtum an gottgegebenen Schätzen nur einzelnen zum Segen gereicht und für die Bevölkerung zum Fluch verkommt. Vor 500 Jahren waren es die Europäer, die Jagd auf Menschen machten für die Sklavenarbeit in den Plantagen Amerikas, dann der belgische König Leopold II, der in grossem Stil mit der Ausbeutung begann, Elfenbein für die Wohlhabenden im Norden, Kautschuck für die aufkommende Autoindustrie. Es folgte die Diktatur unter Mobutu, der die bescheidene Infrastruktur, die die Belgier zurückliessen, völlig demontierte und das Land ausblutete zugunsten seines Clans. Bis heute, halten korrupte Regierungen die Bevölkerung für ihre persönlichen Begehrlichkeiten in Schach. Die Gier nach den Bodenschätzen wie Diamanten, Gold, Kupfer, Coltan für unsere Handys sorgen für ein eigenes Wirtschaftssystem am Staatshaushalt vorbei. Warlords im Osten des Landes kultivieren ein Gewaltklima, das eine rechtsstaatliche Ordnung verhindern soll, nur um in diesem Chaos die Bodenschätze unter der Hand aus dem Land zu schmuggeln und gewaschen auf dem Weltmarkt zu versilbern.

Vor dieser Reise fragte ich mich, warum Hansjörg sich ausgerechnet eine Schule im Kongo  ausgesucht hat. Ein von Gott reich gesegnetes Land, ein von den Menschen hoffnungslos verfluchtes Land. Die Faktenlage, die Statistik, die Geschichte lehrt einen gesunden Menschenverstand die Finger davon zu lassen. Wo soll man da beginnen, wenn gar nichts geht ….. ?

Und dann fliegt man hin und begegnet nicht Statistiken, sondern Menschen. Menschen, die man nach der Begegnung nicht mehr leichtfertig in die Weltordnung zurücklegen kann. Mitten in hoffnungslosesten Bedingungen, wo keiner hinsehen will, trifft man auf Menschen mit einer Hoffnung, die man nicht erklären muss, weil sie uns so vertraut ist. Und ich glaube nicht, dass es meine sentimentale senil altruistische Torschlusspanik eines Gegensechzigjährigen ist, der endlich seine sinngebende Aufgabe gefunden hat, sondern vielmehr einem unwillkürlichen Anspruch an die Menschlichkeit, der den Fuss in die Türe hält.. Vorher hatte nur der Kongo ein Problem, nun habe ich auch eins.

 

Ich wusste von der Unterstützung Simires und ihrer Familie in der Nähe Bukavus. Ich fand es anfänglich höchst fragwürdig, Unterstützung zu leisten, wo es an allem fehlte. Eine Familie draussen im Busch, mit acht Kindern in einer gemieteten Bretterbude mit 20 Quadratmetern, ohne Strom, ohne Trinkwasser, Vater Gelegenheitstaglöhner – ein Fass ohne Boden, von ihnen gibt es Tausende – hoffnungslos – ein Tropfen auf den heissen Stein.

 

Und dann wurde die Türe aufgestossen, hinter diese Erfahrung ich nicht zurück kann und haben ein Ringen um mitmenschliche Verantwortung in Gang gebracht. Der zurückhaltende Blick aus den wachen Augen der 12-Jährigen, die nun eine Schule besuchen kann, die ihre lebendige Neugierde ausleben kann und in Tagträumen Pläne schmiedet für sich und ihre Familie. Die mit kraftvollem Schwung sich auf den Schulweg macht und bereit ist die Statistik des Scheiterns Lügen zu strafen.

Als wir nach dieser Woche wieder abheben und die Sicht sich weitet über Bukavu, wir die armseligen Hütten und Dreckstrassen entschwinden sehen und die Bilder überfliessen in eine wunderschöne Landschaft, mit Flüssen, die sich malerisch durch die grüne Buschlandschaft schlängeln und wir in die Nacht hinein fliegen, uns Europa wieder nähern, beschleichen mich Zweifel, ob die gut gemeinte Hilfe auch wirklich mehr ist als ein abzuschreibendes „Gutteli“ und auch zur nachhaltigen Investition beitragen wird.

Im gleichmässigen Motorengeräusch des Fliegers ziehen Bilder aus den vergangenen Tagen vor Augen. Im Busch, als wir Simires Familie einen Koffer mit Kleidern zurücklassen. Ihn aber nicht vor ihrer Hütte überreichen können, weil eine Kinderschar aus der Nachbarschaft genau beobachtet, was ab geht mit dem weissen Besuch. Auch sie hätten’s bitter nötig. So müssen wir um sieben Ecken kurven um den Koffer zu übergeben, nur um nicht Missgunst zu schüren. Hat der Tropfen aus Frauenfeld eine Chance bis zu den lebenswilligen Wurzeln vorzudringen?

Auch lasse ich mich verunsichern, ob die Anweisungen an die Verantwortlichen im Landwirtschaftsprojekt auch verstanden worden sind und umgesetzt werden.

Aus der Distanz versuche ich Vorwissen und Erlebtes zu ordnen und daraus eine Sicht in die Zukunft zu gewinnen. Einerseits sind da die ernüchternden Statistiken über die Effektivität der weltweit geleisteten Entwicklungshilfe und andererseits die konkrete Hoffnung für das Projekt Maendeleo. Das Handbuch für eine garantiert erfolgreiche Entwicklungshilfe ist noch nicht erschienen, deshalb wird so viel kontrovers diskutiert über den Nutzen eingesetzter Ressourcen.

In Afrika werden in vielen verschiedenen Bereichen Projekte lanciert – der wirksamste Bereich ist die Bildung. Damit gesteht man auch ein, dass das Denken und Handeln der Bevölkerung nicht optimal ist und verbessert werden muss. Im direkten Kontakt wurde ich gewahr, dass sich ihre Gewohnheiten und ihren Umgang mit täglichen Herausforderungen unterscheiden – aus unserer Sicht suboptimal – und deshalb weniger erfolgreich sind. Fehlendes Wissen über Zusammenhänge, fehlende Weitsicht und Geduld und fehlende Fertigkeiten, sowohl die täglichen Bedürfnisse zu befriedigen und gleichzeitig in die Zukunft zu investieren, verhindern eine angemessene Entwicklung. Erwachsene tun sich schwerer dazu zu lernen, sie in ihrem gewohnten Umfeld zu belehren erfordert unsererseits viel Fingerspitzengefühl und aufmerksames Dranbleiben.

Deshalb Bildung – das Herzstück von Maendeleo ist die Schule. Das Projekt zeichnet sich aus durch den direkten Kontakt mit den Einheimischen vor Ort. Seit Jahren kennt sie Hansjörg persönlich, kennt ihre Lebensumstände und ihr Denken. Das Internet erlaubt es auch direkt und engmaschig zu kommunizieren und das Projekt zu begleiten, sie zu Handlungsänderungen zu bewegen und diese auch zu beobachten.

Wir suchen nach Möglichkeiten in der bestehenden Schule vermehrt lebenspraktische Bereiche zu unterrichten. Im Gartenbau die Anbaumethoden zu optimieren um bessere Erträge, rationeller und nachhaltiger zu erwirtschaften. Wissen über Ernährung und Gesundheit zu vermitteln um von den Gegebenheiten ausgehend Verhaltensweisen zu verändern und bei alledem vermehrt auf die Ressourcen der Frauen zurückzugreifen. Durch rationelleres, wirtschaftlicheres Agieren von der Subsistenzwirtschaft einen Schritt weiter zu kommen und Mehrwert zu schaffen, indem Kenntnisse in Textil- und Bauhandwerk vermittelt werden und damit ihre eigenen Bedürfnisse besser gedeckt und ausserhalb ihres Zuhause Geld verdient werden kann. Zu sensibilisieren für einen nachhaltigeren Umgang mit Geld und wirtschaftliche Zusammenhänge. Ihnen übers Internet den Zugang zu Wissen und Welt zu ermöglichen.

So hoffen wir, dass sie Erfahrungen machen können  an Autonomie und Selbstwirksamkeit dazuzugewinnen.

Dazu braucht es finanzielle Mittel, aber vor allem auch persönliches Engagement – am besten vor Ort – Menschen die das Vertrauen der dort lebenden Menschen gewinnen können und sie anleiten und trainieren in den verschiedenen Bereichen – schreinern, zimmern, mauern, hauswirtschaften,  nähen, gärtnern, Geld einteilen, kompiüterle und internetle … es gibt die Menschen, wo sind sie… ?

… vorher hatte nur der Kongo ein Problem, jetzt habe ich auch eins …. bevor ich mich auch daran gewöhne,  muss ich mir überlegen, wie Betroffenheit nun fristgerecht zu konkretem eigenem Beitrag mutiert.

Ich habe die Region lieb gewonnen, auf ein ander Mal.

Niklaus Gerber, Juli 2014

 

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